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3.Tag auf See,
31.März, Position 2°25’S, 94°42’W. Endlich sind wir
wieder unterwegs. So schön es auch war auf den Galapagos Inseln,
Segler aus aller Welt, die Tiere, es ist gut, wieder allein zu
sein, oder – in unserem Fall - zu dritt und wieder zu sich
selbst zu finden. 3600 Seemeilen sind es bis Tahiti. In den
Marquesas wollen wir nicht stoppen, denn da waren wir schon
einmal, damals 1987 mit Seeteufel. Passatsegeln auf der
Barfussroute, im Gegensatz zum Nordpazifik, sollte das eine
Traumfahrt werden. Leichte Winde von hinten, wochenlang kaum mal
Segelwechsel, so war es ja auch damals mit Seeteufel gewesen,
auf den 4500 Seemeilen von Valparaiso zu den Marquesas. Damals
war Britta erst zwei Monate alt gewesen. Wie lange ist das her!
Hat sich das Wetter auf der Welt schon so verändert seit damals
vor 13 Jahren? Mit
der ruhigen Passatfahrt ist es jedenfalls nichts. Dauernd rollt
dieser schwere hohe Schwell aus dem Südwesten an und wird von
der Windsee überlagert. Hohe konfuse Wellen machen uns das
Leben schwer. Dauernd sind wir gezwungen Segel zu wechseln.
Spinnaker hoch, zu dritt schaffen wir das gut. Wenig Wind,
Kavenga rollt und schlägt den Spinnaker von einer Seite auf die
andere. Schwarze Wolken voraus, Blitze in der Nacht, schon
wieder eine Kaltfront! Gereffter Trecker, gerefftes Gross,
schnelle rauschende Fahrt, Etmale von 190 Seemeilen, wilde
Schiffsbewegungen. Dann ist der Wind wieder weg, das ganze Spiel
beginnt von Neuem. Hoch mit dem Spinnaker und Augen auf, damit
uns die nächste Gewitterfront nicht überrascht. Ein richtiger
stetiger Passat fällt aus in diesem Jahr. Wir arbeiten uns nach
Westen, Seemeile für Seemeile.Und doch gewöhnt man sich dran,
an das wochenlange Leben auf dem Meer in der Unendlichkeit. Nur
wir sind hier. Wir sehen keine anderen Schiffe, keine Lichter in
der Nacht, keine Flugzeuge am Himmel, ganz alleine. Britta macht
ihre Schulaufgaben. Wir kochen und leben unser "normales"
Leben. Duschen kann man auch bei Seegang! Wir fangen Thunfische.
Und wir reparieren. Es knallt, ein Unterwant fällt auf das
Deck. Mal wieder Bruch, aber ganz egal, das ist nichts Neues.
Das Reservefall ist schnell geriggt. Es ist der 8. April, unser
zehnter Tag auf See. Bald wird es dunkel werden, plötzlich
knallt es draussen zum zweiten Mal an diesem Tag. Das kann kein
Unterwant sein! Der Fussbeschlag unserer Baumfock, des Treckers,
ist gebrochen, und das bei 25 bis 30 Knoten Wind! Das Segel
flattert parallel zu uns neben Kavenga und droht mit dem
peitschenden Baum jeden auf dem Vorschiff über Bord zu fegen.
Das kann uns glatt den Mast kosten! Wie gut, dass wir zu dritt
sind, Britta ist so geschickt geworden an Bord. Jeder fasst zu,
und irgendwie schaffen wir es, bergen Segel und Baum und setzen
eine normale Fock. Weiter in die schwarze Nacht hinein.
Glück gehabt. Das ist nochmal gut gegangen. 23.Tag auf See, 21.
April, wieder eine Kaltfront. Das erklärt die Gewitter und
umlaufenden Winde der letzten Tage. Trotzdem nicht so schlimm.
Wir können unsere erste Tuamotu Insel auf dem Radar sehen:
Rekareka acht Seemeilen voraus! Hier gibt es keinen guten
Ankerplatz. 23.April, gerade beginnt der 26.Tag auf See. Sieben
Uhr morgens, Bordzeit, der Anker fällt nach 3300 Seemeilen vor
dem Atoll Motu Tunga.
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Motu
Tunga, polynesisches Paradies, unbeschreibliche
Sonnenuntergänge, Palmen auf den Motus, den kleinen Inseln auf
dem Riff. Wieder so ein Ort, an dem man ewig bleiben könnte,
ein echter Geheimtip, kein anderes Schiff ausser uns. Motu Tunga
hat nur einen "falschen Pass." Falsch deshalb, weil er
nicht in die Lagune hineinführt, sondern auf der Innenseite in
einem flachen Gewirr aus Riffen endet. Wir haben im Pass
festgemacht, liegen ruhig und sicher, unter uns das bunte
Getümmel der Tropenfische. Entspannung nach 25 Tagen auf See.
Was für ein Gefühl, wir haben es geschafft, trotz des mistigen
Wetters, trotz der Pannen: wir sind in den Tuamotus. Keine
Nachtwachen mehr, heute können wir schlafen, die ganze Nacht
durch.
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Dann
geht es weiter zum nächsten Atoll der Tuamotus. Wasserfallartig
stürzt das Meer aus der Lagune von Tahanea heraus, anderthalb
Meter hohe Wellen, steile Brecher, schaumiges Gestrudel im Pass,
doch wir schummeln. Wir haben die Sonne im Rücken und halten
uns am Rand des Passes im flachen Wasser, wo es ruhiger ist,
sind drinnen und ankern hinter einer Sandhuk gleich am Pass,
vier Meter Wassertiefe, perfekt geschützt, unbewohntes Atoll,
Kokosnüsse satt, Papageienfische an Korallenbrocken unter uns.
Direkt voraus trennt nur ein Geröllstreifen Lagune und Meer.
Hier drinnen türkisfarbene Ruhe und draussen die weissen
Pazifikroller auf Tiefblau, die endlose Pazifikweite.
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Der kurze Schlag nach Papeete
sollte eigentlich im Passat ein toller Zweitagestrip werden,
doch was ist mit dem Passat? Westwind, wir laufen hoch am Wind,
so hoch es geht und können Papeete trotzdem nicht anliegen. Im
Windschatten Tahitis stirbt der Wind dann, der Motor kurz darauf
auch, denn unser Diesel ist schmutzig und der Filter zu. Vor uns
liegt die Kulisse Tahitis, zum Greifen nah, wir dümpeln
antriebslos im Meer. Dann springt die Maschine wieder an. Auf
dem grossen Segeltrip wird man zwangsweise zum Mechaniker. Dass
ein Gewindestutzen am Filter geplatzt ist, kann uns auch nicht
mehr aufhalten. Irgendwie improvisiert man sich da hindurch. Vor
Anker in Maeva Beach, Tahiti, am Nachmittag, 3. Mai.
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Tahiti, Moorea, Huahine, Raiatea,
Bora Bora am Horizont, wenn man Mikronesien erlebt hat, die
echte Südsee, dann ist das alles hier nicht so aufregend. Der
Tourismus regiert das Land. Hotels überall, Ausflugsschiffe,
Charterboote, Tanzgruppen am Hotelstrand, diese Inseln sind
Kulisse für das grosse Geschäft, für das grosse Theaterstück,
das hier aufgeführt wird. Es heisst: "Südpazifikparadies."
Wir haben den echten Südpazifik nördlich des Äquators
gefunden, in Mikronesien. Die Auslegerkanus von Ifalik, die
Lagunen von West Fayu und Olimarao, die Tänzerinnen Yaps, das
werden wir nie vergessen.
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Sonnabend, 27. Mai: Ostpassat,
Traumwetter. Raiatea liegt genau achteraus, wir laufen unter
Spinnaker, rot-blau-gelb, Kurs Aitutaki, rund fünfhundert
Seemeilen voraus. Also gibt es ihn doch noch, den Passat!? Nein,
denn schon am nächsten Tag dreht der Wind, wieder eine
Kaltfront, wieder Gegenangebolze, und jetzt endlich warnt der
Wetterbericht vor den starken Winden, den "very rough
seas". Uns hilft das kaum, denn das wird tagelang so
weitergehen. Da kann man nicht mal kurz für ein paar Stunden
beidrehen bis das Wetter besser ist. Wir kreuzen nach Westen.
Ein grau-grüner Farbtupfer in der konfusen See: vor uns liegt
Aitutaki. Drinnen in der Lagune ist das Wasser ruhig. Hier
draussen rollt Kavenga und uns tun alle Knochen weh von den
letzten Tagen. Der Westwind hat viel Wasser über das Riff in
die Lagune gedrückt, und eine starke Strömung kommt uns
aus dem schmalen Pass entgegen. Das sieht aus wie ein
Wildwasserbach! Den Pass können wir nur bei Hochwasser
passieren. Aitutakis Pass ist berüchtigt, denn viele Schiffe
sind hier schon aufgelaufen. Draussen ankern und auf die Flut
warten können wir aber auch nicht, denn noch laufen die Roller
aus Westen auf das Riff, brechen sich in hohen Schaumsäulen
rechts und links vom Pass und machen es zu gefährlich hier zu
ankern. Die logische Entscheidung wäre weiterzulaufen, Aitutaki
auszulassen. Ach was, wird schon klappen. Der Pass ist
hoechstens zwanzig Meter breit. Es ist Ebbe. Auf beiden Seiten
des Passes stürzt das Wasser schäumend von den Korallenbänken
in den Pass hinein. Vollgas voraus. Kavenga bahnt sich den Weg
hinein, Zentimeter für Zentimeter. Die Strömung drückt uns
auf die Seite. Korallen zum Greifen nah. Weiter und weiter, dann
sind wir drinnen, schiessen in das stille Wasser hinter dem
Pass. Und wo ist jetzt die Flachstelle? Noch sind wir in der
engen Rinne zwischen den Korallenbänken. Mit dreissig
Zentimetern Wasser unter dem Kiel passieren wir die Untiefe und
ankern vor dem kleinen Ort.
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Aitutaki,
trotz seiner Traumlagune scheint es uns wie ein Teil Neuseelands
oder Australiens. Typisch australische Häuser, Orte wie in
Australien. Trotzdem, noch sind wir in der Südsee. Der Zöllner
lässt uns ausrichten, dass er uns erst am nächsten Tag
abfertigen wird. Er ist gerade auf eine Kokospalme geklettert
und erntet Nüsse, ist einfach zu beschäftigt. So paradiesisch
Aitutaki auch über dem Meeresspiegel aussieht, die Korallen in
der Lagune und am Riff sind von Algen überwuchert und zum
grossen Teil tot. Fische gibt es kaum. Aitutaki hat eine
Dürrezeit erlebt, und es gibt wenig Gemüse auf der Insel.
Die meisten Lebensmittel kommen aus Neuseeland.
Wir hören jetzt verschiedene
Wetterberichte, , Hawai, Neuseeland, Fiji, Rarotonga. So ein
Reinfall wie bei den Fahrten nach Tahiti und hierher soll uns
nicht wieder vorkommen! Stabiles Wetter, also los zum Beveridge
Reef!
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 Das
Beveridge Riff, 20º Süd und 167º46’ West, ist ein Ring von
Brechern mitten im Ozean. Hier gibt es kein noch so kleines Motu,
keine Sandinsel, kein Land. Vielleicht gibt es das in ein paar
hundert Jahren, falls der Meeresspiegel nicht zu stark steigt
und falls ein paar Kokosnüse von Aitutaki hier angespült
worden sind und Fuss gefasst haben. Heute ist hier nur das Meer,
draussen vor dem Riff schaumig weiss, doch hier drinnen hinter
der Korallenkante liegen wir sicher und geborgen. Freunde haben
uns die Einfahrtskoordinaten für Beveridge Riff gegeben. Das
Riff selber ist auf den Seekarten nur als winzig kleiner Fleck
mit ungefährer Lage angegeben. Wir bleiben drei Tage hier. Der
Passat pfeift mit 30 Knoten im Rigg und wir schnorcheln an der
Riffkante. Hier gibt es jede Menge Langusten, fantastische
Korallen und Fische. Ein Paradies in der Weite des Meeres.
Beveridge Riff, ein Geheimtip!
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Niue, "The Rock of the
Pacific." Wir ankern auf der offenen Reede. Überall
brechen sich die Wellen an der Steilküste Niues. Die Insel ist
ein Hochplateau das rundherum steil aus dem Pazifik aufragt.
Einen Hafen gibt es nicht. Kavenga rollt an der Mooring. Das
Dinghy muss man hier mit einem Kran ans Ufer hochhieven. Nicht
einmal für Dinghys gibt es einen Landeplatz. Niue ist eine
faszinierende Insel. Uralte Wälder, Grotten zum Schnorcheln,
freundliche Menschen. Wir müssen weiter. Der Schwell aus Westen
wird schlimmer und schlimmer und macht den Ankerplatz unsicher.
Es sind ja nur 250 Seemeilen bis Tonga, ein Katzensprung, oder?
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Traumsegeln, raumschoots,
rauschende Fahrt, dann kommen wir langsam aus dem Windschatten
Niues heraus. 30 Knoten Wind, Sechzig Seemeilen seit Niue, Kurs
Vavau, Tonga. Es wird dunkel und vor uns tauchen schwarze
Wolkenwände auf, noch immer "nur" 30 Knoten Wind,
Südost, von hinten, aber diese Wellen, total konfus,
Überlagerung der Windwelle mit vier Meter Schwell aus Südwest.
KAVENGA schiesst durch die stockfinstere Nacht, kein Mond,
sieben Knoten Fahrt, acht Knoten, dann mit zehn Knoten die Berge
hinab. 40 Knoten auf dem Windmesser, dann Böen mit über 50.
Das darf doch gar nicht wahr sein. Tropensegeln? Noch
läuft der Autopilot, doch Silke und ich sind stets bereit zum
Eingreifen, ändern den Kurs, steuern kurz mit der Hand wenn
nötig. Regen, es ist kalt, Ölhose und Öljacke. Der Morgen
graut, und um uns herum ist das Meer weiss geworden,
Schaumstreifen, Wellenberge rollen gewaltig von hinten heran.
Das Steckschott sperrt den Niedergang ab, das wäre noch etwas,
wenn uns jetzt eine Welle einstiege und die Kajüte überflutete!
Wellenhöhe gut fünf Meter, dazu der Schwell, immer mal wieder
laufen zwei Wellen zusammen, donnernd brechendes weisses Wasser,
Schaumflächen. Wir steuern abwechselnd mit der Hand im
Zwei-Stunden-Rhythmus. Es wird dunkel, die See wird ruhiger, wir
sind im Windschatten Neiafus. In stockdunkler mondloser Nacht
tasten wir uns unter Radar zum Ankerplatz vor. Wir sind in der
Vavau Gruppe Tongas, geschützt durch Berge, den Wind draussen
spürt man hier so gut wie nicht. Wir sind totmüde. Wieder
dieses Gefühl: ist das all wirklich gewesen, die letzten zwei
Tage, oder war es nur ein Traum?
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Juli in Tonga, es ist kalt, der
Himmel ist grau. Im Wasser trage ich meinen Wetsuit und friere
trotzdem nach kurzer Zeit. Vavau, Haapai, Inseln und Riffe,
Vulkankegel in der Ferne, hier gäbe es so viel zu erforschen,
im Meer und an Land, aber Nordseewetter hatten wir nicht
erwartet. Man
merkt deutlich, dass Tonga schon recht weit im Süden liegt,
Absprungsbasis für den Trip nach Neuseeland. Wir sind zur
falschen Jahreszeit hier. Im Oktober muss es toll sein hier,
doch dann drohen auch schon bald die ersten Wirbelstürme. Uns
zieht es in die Wärme nach Norden zurück. Port Vila in
Vanuatu, das sind rund 1000 Seemeilen von Nuku'Alofa.
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