Von Japan zu den Aleuten und der Alaska Peninsula

Unser letzter Reisebericht über unsere Erlebnisse in Japan endete südöstlich Petropavslovsks mitten im Nordpazifik, als wir unter vollen Segeln in ein grosses Treibnetz liefen, mit einem ganz schönen Schreck davonkamen, und weiter nach Nordosten zogen, Attu, die westlichste der Aleuten Inseln irgendwo weit voraus.
Der Nordpazifik hier ist ein einsames Meer, Nebelbänke, fast keine Schiffe, und wenn doch mal eines auftaucht, dann ist es ein rostiger russischer Frachter, dessen gesamte Besatzung an der Reling steht und uns anstarrt, als wären wir der fliegende Holländer selbst. Ein komisches Gefühl in der Magengegend, sich hier mit der Familie herumzutreiben. Fordern wir es nicht geradezu heraus, dass etwas passiert? Wir sind ja nicht nur für uns selbst verantwortlich, sondern auch für unsere Kinder. Die harten Segler, die nach Spitzbergen und Grönland segeln, oder in die Antarktis, habe ich immer bewundert, und fühle mich davon durch Welten getrennt. Wir sind ganz normale Menschen, gehören viel eher in die Tropen, haben dort die letzten 14 Jahre verbracht. Und jetzt sind wir hier, zwischen Japan und Attu, haben Temperaturen von fast null°, schippern dort herum, wo Stürme geboren werden. Trotzdem, Alaska ist ein magisches Land, auch wenn man nie dort gewesen ist. Einmal in wirkliche einsame Gebiete kommen, einmal dort segeln, wo sonst fast nie andere Segler sind. Und wir sind doch gut vorbereitet, oder nicht? Aber die Furcht steckt mir schon im Nacken, denn ich habe in der Seven Seas Zeitung den einzigen Artikel gelesen, der dieses Gebiet beschreibt. Das Schiff fuhr fünf Wochen später, im Hochsommer, Ende Juli, nicht Mitte Juni. Sie schreiben von den Stürmen die sie hier hatten, mehrere, jedesmal über vierzig Knoten auf die Nase... Der Gedanke daran ist nicht gerade aufheiternd.

 

Wir schleichen dahin, setzen Genua und oft den Spinnaker, wechselnde Winde, 15 Knoten und weniger, ölig ruhiges Meer. Der grosse Schwell der Passatregionen fehlt ganz. Eine kleine Windwelle auf glattem Meer, das ist alles. Die ersten Tiere des Norden begleiten uns, Seelöwen tauchen neben dem Schiff auf, Unmengen von Vögeln schwimmen auf dem Meer, Dall's Delphine ziehen ihre Bahnen zum ersten Mal, tief schwarz und hell weiß ihre Körper. Sonnentage und Nebeltage wechseln, wir frieren, können uns einfach nicht an die Kälte gewöhnen, haben alle dicken Sachen auf einmal an und verschwinden auf Freiwache unter Schichten von Bettdecken.
Nach zwölf Tagen liegt Attu voraus. Sonne auf 1200 Meter hohen Bergen, Schneefelder überall, wir segeln in eine Winterwelt, tasten uns in die Casco Cove der Massacre Bay hinein und ankern am Ende der Bucht auf sechs Metern Wasser, glasklar, Kelpfelder am Ufer (52° 22' N, 173° 10' O). 1300 Seemeilen im Nordpazifik zur Einfahrt in die Bering See, Kushiru nach Attu in zehn Tagen leichten Windes. Glück gehabt!
 Kavenga liegt vor der Kulisse der Schneeberge, in der Ferne die Sendemasten der Loran Station. Bäume gibt es hier auf den Aleuten nicht, auch keine Büsche. Wir wandern über die Tundra, vorbei an den Ruinen der amerikanischen Militärbasis aus dem Zweiten Weltkrieg und klopfen an die Tür der Loran Station. Zwanzig Soldaten der US Coastguard leben dort mit allem Komfort, Sauna, Jacuzzi, Filmtheater... Alle paar Wochen kommt ein Versorgungsflugzeug mit Proviant. Die sind gar nicht so erstaunt uns zu sehen. Kommen hier wohl dauernd Yachties an und klopfen an die Tür? Nein, der letzte war vor Jahren hier... Einen Kaffee bekommen wir aber doch und können auch 250 Liter Diesel kaufen, für den sagenhaften Preis von US 0.75! Hier in San Francisco kostet es zweimal soviel!?

 

So richtig haben wir es noch nicht verarbeitet: wir sind in Alaska!

 

Klaas wandert am nächsten Tag, steigt auf die Berge, Tundra und Schnee und Eis, Blick über Massacre Bay, die Ruinen, die Loran Station, riesige hölzerne Landungsbrücken halb zerfallen, überall Felsen im Meer, weisse Brandung darüber, die braunen Streifen der Kelpfelder. Der Wind hat zugelegt, treibt die Gischt zu langen Bahnen

 

Abends kommt ein Schiff in die Ankerbucht, die 35 Meter lange Tiglax des US Departments of Fisheries and Wildlife. Sie laden uns zu sich an Bord ein, ein warmer Salon, Kaffee und Kuchen, was für eine rauhe und freundliche Truppe, die uns aufnimmt wie alte Freunde. Marcia, der zweite Offizier erzählt uns über die Tiglax. Sie bringen Fallensteller auf die Inseln hier, und die haben die Füchse schon weitgehend ausgerottet, die von russischen Pelzzüchtern vor zweihundert Jahren hier ausgesetzt wurden. und die Vögel stark dezimiert hatten. Von der Tiglax werden auch Camps auf den Inseln versorgt, in denen Ornithologen leben, denn die Aleuten sind weitgehend Vogelschutzgebiet und Vogelparadies. Während wir klönen haben die Trapper vom Heck der Tiglax aus für uns zwei grosse Pacific Cods geangelt, jeder anderthalb Meter lang. Als wir ins Dinghi klettern hat Marcia dort eine grosse Tüte hingestellt: ein ganzes Brathähnchen, Steaks, Bratwürste, Soft Drinks, jede Menge Schokolade. Nach der Zeit auf See und den Preisen Japans ist das wie im Paradies. Es ist taghell, als wir um Mitternacht wieder an Kavenga festmachen. Es ist total windstill geworden, der Himmel ist tiefblau, die späte Sonne strahlt die Wolken rot an. Schneeberge, Schiff und Himmel spiegeln sich auf dem glatten Wasser, und erst um ein Uhr morgens fängt es an dunkel zu werden. Unbeschreibliche Nacht...

Alaska ist Alaska, heute am 28-6 ist der Himmel bleigrau, tiefe Wolken verdecken die Bergspitzen, es weht mit 25 bis 30 Knoten aus Nordost. Zwanzig Meilen bis zur Ankerbucht Chichakof Harbour und wir motoren gegenan, bolzen um die Ostecke Attus herum, tasten uns bei dichtem Nebel in die Bucht (52° 56'N, 173° 15'O). Von Attu nach Osten bis zur Einfahrt in die Inside Passage sind es 2000 Seemeilen. Nach dem 15 August, haben wir immer wieder gelesen und auch von Marcia gehört, sollten wir möglichst aus dem Golf von Alaska heraus sein. Keine Zeit immer auf gutes Wetter zu warten. Alaska ist riesig und die Zeit so kurz!

 

 In Chichakof Harbour war eine grosse japanische Basis im Zweiten Weltkrieg, Am Ufer stecken überall die Pfosten, an denen der Stacheldraht befestigt war, Klaas findet beim Wandern "Foxholes" überall an den Berghängen, oft mit grossen Haufen von Munition daneben, ein paar Reste rostiger Maschinen, sonst hat die Tundra alle anderen Erinnerungen an die letzte Bansai Charge der Japaner, den letzten Kampf auf den Aleuten wieder überwuchert. Wir fahren mit dem Dinghi aufs Meer hinaus zu der kleinen Felsinsel, auf der Tausende von Papageientauchern nisten. Überall auf den Hängen sitzen die bunten Kerlchen, heben plump und mit den Flügeln zappelnd ab, scheinen ständig in Gefahr zu sein, vom Himmel herabzufallen. Von hier bis zur Glacier Bay werden sie uns immer wieder begegnen. See Otter schwimmen im Kelp auf dem Rücken liegend, die Mütter mit dem Baby auf dem Bauch. Harbor Seals stecken ihre Köpfe aus dem Wasser, und eine grosse Kolonie von Stellar Seelöwen finden wir auf einer Klippe am Rande der Insel. Dicht lassen uns die Seelöwen heran, die jungen Tiere kommen dicht zum Dinghi, begleiten uns neugierig, stecken ihre Köpfe wie Orgelpfeifen weit aus dem Wasser heraus, schaün uns mit grossen schwarzen Augen tropfend und prustend an. Alaska, das Tierparadies.
Der Pazifik ist riesig. 8000 Seemeilen fast genau von Australien hierher. Der Wetterbericht ist gut. Wir empfangen noch immer das Wetterfax von Japan und hören den Radio Wetterbericht aus Alaska. 105 Seemeilen bis Buldir, der berühmtesten Vogelinsel der Aleuten. In einer weiten offenen Bucht ankern wir (52° 22'N, 175° 53'O) gehen an Land und wandern durch die Tundra. Rauchende Vulkane im Osten der Insel. Abends geht es weiter nach Kiska, nur 80 Seemeilen. Herrliches Segelwetter und mit dem ersten Tageslicht stehen wir vor Sirius Point (52° 08'N, 177° 35'O). Millionen von Vögeln über einem erstarrten Lavafluss, dahinter der eisbedeckte Kiska Vulkan. Später ankern wir in der weiten Bucht von Kiska (51° 58'N, 177° 33'O). Dies war die grösste Militärbasis der Japaner. Zwei alte Frachter liegen gestrandet am Ufer, oben auf den Hügeln sehen wir noch alte Kanonen Stellungen, an den Hängen ein Wirrwarr von Wegen und eingestürzten Hütten. Lange wandern wir durch die Ruinen. Als die Amerikaner hier mit 35,000 Mann zum Angriff landeten, fanden sie Kiska verlassen vor. Unter dichter Wolkendecke waren die Japaner unbemerkt geflohen. Mehrere Wracks liegen auf dem Boden der Bucht hier, darunter auch zwei grosse japanische U-Boote. Wir können nicht tauchen, haben keine Trockenanzüge, und liegen hier zwei Tage im Sturm fest. Es bläst konstant mit gut vierzig Knoten, wir liegen nur hundert Meter vom Ufer entfernt, und doch hat sich schon eine steile kurze Welle aufgebaut. Klaas fährt mit dem Dinghi an Land, dabei bringen die Böen das Schlauchboot fast zum Kentern. Drinnen bullert unser Petroleumofen und wir braten frisch gefangene Flundern.

 

Die 235 Seemeilen nach Adak fahren wir in einem Stück. Zu schade, dieser Zeitdruck. Auf den Inseln um Adak herum gibt es Dutzende kleiner geschützter Buchten, völlig einsames Land zum Erforschen. Wir segeln in der Bering See, halten uns nördlich der Inseln. In diesen Tagen kommt der Wind meist aus Süd, 25 bis 30 Knoten. Eine Vulkaninsel nach der nächsten taucht vor uns, perfekte Kegel unter Schnee, oft steigt Rauch auf aus Felsspalten. Die Vulkane sind 1500 Meter hoch. Dicht unterhalb des Tanaga Vulkanes ziehen wir an der Küste ostwärts. Eisfelder, Schnee, Täler und Wasserfälle. Die Vulkane spielen verrückt mit dem Wind. Erst halber Wind, dann achterlich, hoch auf über vierzig Knoten, dann windstille, dann Wind von vorne.

Britta, Marcia and Klaas

Bei Flaute und Nieselregen laufen wir in Sweeper Cove auf Adak ein (51° 52'N, 176° 38' W). Unser erster richtiger Hafen auf den Aleuten. Sweeper Cove ist eine alte US Navy Basis aus der Zeit des kalten Krieges. Der Port Captain ist freundlich aber bestimmt. Wir konnten noch nicht in den USA einklarieren, dürfen nur ankern, nicht längsseits gehen, dürfen das Schiff nicht verlassen. An Land gibt es einen kleinen Laden. Die Tiglax ist auch hier, und unsere Freunde wollen für uns einkaufen gehen. Sie kommen mit fast leeren Händen zurück, denn im Laden gibt es nicht viel, und was es gibt ist rationiert. Marcia hilft uns aus mit Proviant aus dem Bestand der Tiglax. Wir duschen dort und können Wäsche waschen, was für ein Luxus!

 

410 Seemeilen liegen zwischen Adak und Dutch Harbour. Blauer Himmel und herrliches Segelwetter, wir machen Ost. Ein Sturm auf dem Wetterfax folgt uns in gebührendem Abstand... Schade, keine Zeit zum Anhalten, weiter Richtung Dutch Harbour, bevor der Wind auf Ost dreht und vielleicht für viele Tage so bleibt. Blaür Himmel, Waale nicht weit von uns, immer wieder Papageientaucher auf dem Wasser, abends liegen die vier perfekten Vulkankegel der Islands of the Four Mountains direkt voraus. Obwohl noch fünfzig Meilen entfernt, sind sie zum Greifen nah. Am nächsten Morgen fahren wir durch den Pass zwischen den Inseln. Nur ein paar Meilen breit ist er, doch vom Land sehen wir nichts, denn dichter Nebel hat uns eingehüllt. Schaut man genau nach oben, ist der Himmel fast blau, hoch ist die Nebelschicht nicht, wahrscheinlich nicht viel höher als der Mast, aber dick.. Radar muss schon sein in diesen Gebieten. Noch ein Tag auf See und nachmittags lichtet der Nebel sich. Umnak liegt an Steuerbord, schroffe Schneeberge und wieder ein Vulkan, perfekter Eiskegel, Killer Wale zwischen uns und der Insel, dann Dall's Delphine in der Bugwelle.

 

Am 11. Juli morgens um sechs Uhr laufen wir ein in Dutch Harbour (53° 53'N, 166° 25'W). Bunte Holzhäuschen am Strand, die alte russische Kirche dazwischen, Canneries und Fischkutter am Ufer. Man weist uns einen Platz im kleinen Sportboothafen zu, und Customs und Immigration fertigen uns in Rekordzeit ab. Die Beamten sind so hilfsbereit und freundlich, wie wir es selten erlebt haben. Visa für sechs Monate, ein Cruising Permit für zwölf, darf es sonst noch etwas sein? Wir bleiben drei Nächte hier in Dutch Harbour. Der Ort ist berühmt für den Regen, und meist laufen wir in Ölzeug durch die Stadt. Zwei riesige Supermärkte gibt es hier, und billig. Aber nur, wenn man aus Japan kommt!

 

Wir tanken im Fischereihafen für US$1.05 pro Gallone, gehen mehrmals zur Bücherei und e-mailen. Ein Ort mit Charakter, wir fühlen uns wohl hier in dieser rauhen Athmosphäre. Dann verlegen wir uns in die Constantine Bay, acht Seemeilen östlich, sind hier für einen Abend wieder ganz alleine vor dieser Schneebergkulisse. Klaas fängt seinen ersten Halibut. Durch Wolkenfetzen scheint die Abendsonne auf Dutch Harbour und seine Kette von Bergen. 

Wieder haben wir Glück mit dem Wetter, wieder bläst es aus Südwest mit gut 25 Knoten, und wieder ist ein Tiefdruckgebiet im Anzug, kommt aus Westen hinter uns her, und überredet uns die 140 Seemeilen nach King Cove in einem Sprung zu machen. Unter Vollzeug verlassen wir die Insel Unalaska. Die Strömungen zwischen den Inseln hier können gross sein, denn die Aleuten bilden eine Barriere zwischen der Bering See und dem Nord Pazifik. Jetzt geraten wir zum ersten Mal hinein in so einen Mälstrom, hatten in der weiten offenen Passage östlich von Unalaska gar nicht mehr damit gerechnet. Sieben, acht Knoten laufen wir unter Vollzeug, dann Brecher voraus, Tiderips, wird schon nicht so schlimm werden, und umdrehen ist nicht mehr möglich. Kavenga steckt die Nase tief in die Brecher, das Vorschiff bis zum Mast ist mehr unter Wasser als über Wasser. Auf dem GPS laufen wir 15 Knoten! Ob wir das jemals wieder erleben werden? 25 Knoten Wind gegen diese Strömung, da sind die Wellen schon nicht ohne. Nach lange scheinender Zeit sind wir durch, und sind so durchgeschüttelt, dass uns schlecht ist. Auf dem ganzen Weg bis nach King Cove erholen wir uns nicht so recht.

Am nächsten Mittag stehen wir vor King Cove, als der Wind auf Ost dreht, genau auf die Nase. Das Tief hat uns eingeholt. Zeit den Hafen anzulaufen. King Cove (55° 04'N, 162° 20'W) ist winzig, ein Becken voller Fischkutter, ein Supermarkt, ein paar Häuschen auf den Hängen an den Seiten der Bucht. Der erste Hafen auf dem Festland von Alaska, der Alaska Peninsula. Fast genau tausend Seemeilen von Attu. Der einsamste Teil unserer Fahrt liegt hinter uns. Was für eine faszinierende Landschaft und Tierwelt.

 

Daten zu Wetterberichten, Zeiten, Fax Frequenzen usw., zur Geschichte der Aleuten, zu Wetter generell und Tipps zu Ankerbuchten zwischen Attu und Dutch Harbour findet man in dem sehr guten Seven Seas Cruising Association Bulletin September 95, "Japan to Alaska Crossing, Aleutian Islands and Alaska Peninsula" von Jeff und Freda Thomson. Die US Coast Guard veröffentlicht ein ausgezeichnetes Pamphlet, dass alle Wetterberichte, Frequenzen, Zeiten und Regionen zeigt, auch für die AM und FM Radiostationen.

 

 

diese Website
 auf Englisch
Home

Bücher

Shop Über uns Kontakt

Copyright © 2001-2007 Kavenga Publishing  |  privacy agreement  |  disclaimer conditions